#BRAGER vs. #ISRPAL?

von Bruder Tack

Was für eine Nacht. Ein Fußballspiel, das Geschichte schrieb. Der Gastgeber der Fußball-WM, selbst mit Titelambitionen ins Turnier gestartet, verliert im Halbfinale gegen einen anderen Titelfavoriten – so weit nicht ungewöhnlich – aber der Endstand von 1:7 war dann doch etwas besonderes. Die Kommentare im (deutschsprachigen) Netz wie im Fernsehen schwankten zwischen begeistert und freudetrunken und peinlich berührt – eine solche Schmach hatte kaum jemand den Brasilianern gegönnt. Eine Mischung aus Häme und Spott sowie Mitleid mit den Brasilianern – und zwar nicht nur mit denen auf dem Platz – machte sich breit. Es ging um Emotionen, es ging um Fußball, es ging um Sport, um ein Spiel.

Was für eine Nacht. Ein Konflikt, der eskalierte. Raketen flogen auf Jerusalem und Tel Aviv, von Einschlägen war die Rede und von Opfern. Die israelische Luftabwehr im Dauereinsatz. Die Menschen suchten Zuflucht in Bunkern, die israelische Armee begann, Luftangriffe auf den Gaza-Streifen zu fliegen und Bodentruppen für eine Invasion vorzubereiten. Zahlreiche Tote und Verletzte. Der Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern, in den in den letzten Jahren ein wenig Ruhe gekommen zu sein schien, droht völlig aus dem Ruder zu laufen. Es geht um Krieg oder Frieden, um Leben und Tod.

Der Krieg im Nahen Osten war gestern die erste Meldung im heutejournal, das das ZDF, wie fast immer, wenn Abends Fußball übertragen wird, in der Halbzeitpause des WM-Viertelfinals sendete. Völlig zu Recht: Denn es war die Meldung des Tages, die wohl den größten Einfluss auf das Weltgeschehen hatte. an jedem anderen Termin hätte es eine Sondersendung gegeben, eine Extraausgabe der Nachrichtensendung. Gestern Abend gab es eine 70-Sekunden-Schalte nach Israel, als Zuschauer war ich geschockt – und dann ging es direkt zur nächsten Live-Schalte, zu einem Reporter, der vor dem Fußballstadion stand und nun etwas erzählen sollte über die Stimmung bei der nun wohl traurigsten Nation der Welt. Der Rest der Sendung war voll mit Kommentaren zum Fußball und v.a. mit den immer gleichen Jubelbildern deutscher Fans.

Geht’s noch, ZDF? Das war meine erste Reaktion und nicht nur ich, nein, auch ein guter Teil meiner Twitter-Timeline hatte offensichtlich den Eindruck, dass hier die Verhältnisse nicht stimmten. Kann ein Fußballspiel wichtiger sein, als ein Krieg? Können die Tränen der Verlierer in einem Sportwettbewerb wichtiger sein als die Tränen der Kinder im Bombenhagel?

Niemals! will ich schreien. Wie krank ist diese Welt? Geht es uns etwa nichts an, was da passiert im Nahen Osten?

Und andererseits ist der Schock doch schnell verflogen. Schnell hat mich das Fußballspiel wieder gepackt. Schnell kommentiere auch ich bei Twitter wieder den Spielverlauf. Der nahe Osten ist nicht so nah, wie der Name vermuten lässt. Da ist mir das Fußballspiel irgendwie näher, auch wenn die räumliche Distanz in diesem Falle noch größer ist.

Versuche ich das objektiv zu betrachten, dann ist das krank. Dann ist es schon krank, dass wir überhaupt bei einem Turnier mitgefiebert haben, dessen Fundament auf so vielen Menschenrechtsverletzungen, auf solch enormen Ausgaben auf Kosten der Bevölkerung in einem Land mit so großen sozialen und wirtschaftlichen Problemen beruht, wie diese Fußball-WM. Objektiv hätte man dieses Turnier eigentlich boykottieren müssen, wie es immer wieder auch gefordert wurde. Und objektiv betrachtet hätte man wohl auch die Übertragung unterbrechen müssen um über die Situation in Israel und im Gazastreifen zu berichten.

Und dann lese ich Tweets aus Tel Aviv, wie z.B. diesen hier:

Skurril. Auch in Tel Aviv, also direkt vor Ort, gucken die Menschen noch Fußball. Dabei spielt Israel nicht einmal mit. Was objektiv völlig seltsam, unangemessen, unfassbar anmutet, ist also vielleicht gar nicht so unnormal. Ich konnte es ja an mir selbst beobachten: Die Nachrichten aus Israel haben mich geschockt, aber doch nicht so sehr mitgerissen, wie das Fußballspiel.

Was da im Stadion passierte, das war für mich irgendwie greifbar, ich konnte mir das vorstellen, denn ich habe sowohl selbst schon Fußball gespielt, als auch Fußballspiele im Stadion und vor dem Fernseher miterlebt. Die Dynamik dort war mir bekannt und hat Emotionen wachgerufen. So schrecklich real es auch ist: Die Situation in Israel bleibt für mich abstrakt. Wie es ist, wenn das eigene Leben bedroht wird, wie es sich anfühlt, sich vor Raketen verstecken zu müssen, von Trümmern des eigenen Zuhauses getroffen zu werden – das ist mir unvorstellbar. Vielleicht ist es irgendwie krank, vielleicht aber auch eine Schutzfunktion meines Körpers, dass ich solche Nachrichten nicht ganz so nah an mich heran lasse, wie ein Fußballspiel. Und offensichtlich bin ich damit nicht allein.

Dass gestern Abend der Fußball also mehr Raum einnahm als die – objektiv – viel bedeutenderen Nachrichten aus dem Nahen Osten, kann ich subjektiv irgendwie nachvollziehen. das geht schon in Ordnung. Dennoch glaube ich, dass das heutejournal hier die Prioritäten falsch gesetzt hat: Eine Nachrichtensendung hat halbwegs objektiv zu sein, anders als die Entwicklungen im Nahost-Konflikt hatten die Stimmungen in Deutschland und Brasilien wohl für kaum einen Zuschauer noch Nachrichtenwert. Mit dieser m.E. falschen Prioritätensetzung ist das ZDF aber nicht alleine, auch das nachtmagazin um 0 Uhr in der ARD hat hier in meinen Augen falsche Schwerpunkte gesetzt. Aber, ich denke, man muss auch den Nachrichtenredaktionen zugute halten, dass es sich um live-Situationen handelt, in denen schnell Entscheidungen getroffen werden müssen, die vorher nicht lange diskutiert werden können. Und so wurde die Kritik beim ZDF offensichtlich auch ernst genommen und beraten:  

 

 

Allerdings: Auch wenn vielerorts noch Katerstimmung herrscht und die sportlichen Ereignisse der Nacht noch aufgearbeitet werden. Heute ist die emotionale Situation der Nacht vorbei. Was da in der Welt geschieht sollte niemandem hierzulande egal sein. Die Menschen im Nahen Osten, Israelis wie Palästinenser, Juden, Christen und Muslime, sind wieder einmal von einem verheerenden Krieg bedroht. Und sie haben ein Recht darauf, dass wir zumindest an sie denken, dass wir zumindest für sie beten und Gott um Frieden bitten. Und dass wir, dass unsere Regierung, alles in unserer Macht stehende tun um gemeinsam mit den Parteien friedliche Lösungen zu suchen. Denn auch, wenn Sport bei weitem nicht unpolitisch ist: Die politischen Prioritäten müssen derzeit woanders liegen.

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