Offener Brief an Barbara Eggert, OWL am Sonntag

von Bruder Tack

Liebe Frau Eggert,

Ich war in den letzten 2 Jahren auf einer ganzen Reihe von Hochzeiten. Auch in Ostwestfalen. Aber erst heute ist mir etwas aufgefallen, was offensichtlich nicht selbstverständlich ist: Es ging bei diesen Hochzeiten gar nicht um Sex!

Wieso mich das heute überrascht? Nunja, auf Twitter und Facebook geht gerade mal wieder ein mittlerer Shitstorm um, diesmal richtet er sich gegen Sie, Frau Eggert, die Sie in ihrer Ratgeber-Kolumne in der Gratis-Anzeigenzeitung aus dem Westfalenblatt-Verlag „OWL am Sonntag“ (In der PDF-Ausgabe auf Seite 3) schreiben:

„Es ist für homosexuelle Paare sicherlich nicht einfach, eine gelungene Hochzeitsfeier zu organisieren, die der ganzen Familie gerecht wird. Aber bei allem Respekt, es muss nicht sein, sechs- und achtjährige Kinder einzuladen. Ich gebe Ihnen Recht, Ihre beiden Töchter würden durcheinander gebracht und können die Situation Erwachsener nicht richtig einschätzen, weil sie noch zu jung sind.“

Die Situation, auf die sie sich beziehen, entstammt einem Leserbrief von Bernhard. Er schreibt, dass sein Bruder seit Jahren in einer homosexuellen Beziehung lebt, dass er und sein Partner wunderbare Menschen seien und seine Töchter die beiden mögen würden, aber nicht wüssten, dass sie homosexuell sind. Jetzt wollen die beiden heiraten, die Mädchen sollen Blumen streuen und Bernhard und seine Frau möchten nicht, dass sich die beiden Mädchen schon in so frühem Alter mit sexueller Orientierung befassen müssen. Darum fragt er um Rat.

So weit, so traurig.
Ehrlich gesagt: Als ich mit etwa zwei Jahren zum Ersten Mal (von dem ich weiß) auf einer Hochzeit war und Blumen gestreut habe, da hat mich herzlich wenig interessiert, welche sexuelle Orientierung mein Onkel und seine Frau hatten. Warum auch. Es war ein schönes Fest.
Als ich letztes Wochenende auf der Hochzeit von Freunden war, da war von Sexualität wenig zu spüren. Sicherlich, ab und zu sagte mal jemand etwas von „Kinderwunsch“. Auch der eine oder andere Kuss wurde gewechselt. Aber das waren kleine Zärtlichkeiten, Ausdruck von tiefer Zuneigung und Liebe – durchaus nicht nur zwischen Braut und Bräutigam: Da drückte auch eine Mutter ihrer Tochter mal einen dicken Schmatzer auf die Stirn, es existieren Fotos, wo Freunde des Paares der Braut oder dem Bräutigam auf die Wange küssen. Kinder waren auch dabei. Irritiert wirkten sie nicht auf mich. Warum auch.

Ich glaube aber, irritiert wären sie gewesen, hätte man ihnen gesagt, dass die beiden möglicherweise miteinander schlafen. Aber, wie gesagt, das war kein Thema.

Warum wird Sexualität, die sexuelle Orientierung, aber sofort ein Thema, sobald homo-, bi- oder transsexuelle Menschen eine Rolle spielen?
Eine 60jährige Dame erzählte mir vor einiger Zeit von ihrer lesbischen Tante. Als Kinder waren sie dort öfter zu Besuch, mit der ganzen Familie. Sie lebte mit ihrer Partnerin zusammen. Die Kinder verstanden nicht, warum ihre Mutter nie wollte, dass sie das Schlafzimmer der beiden sehen. Sie sahen es trotzdem und dachten sich nichts dabei. Ist doch gar kein Problem, wenn zwei Frauen in einem Zimmer, sogar in einem Bett schlafen. Als Kinder machten sie das doch auch. Nie war von Homosexualität die Rede. Nie war das ein Thema. Es waren zwei Menschen, die zusammen lebten, die sich gerne hatten, die ihr Leben miteinander teilten, ganz normal. Erst viel später hat jene Frau verstanden, dass es da noch eine andere Ebene gab.

Ist das bei heterosexuellen Paaren anders? Kinder kennen vielleicht das Schlafzimmer von Mama und Papa, aber was da passiert, wenn sie selbst schon schlafen, wissen sie vermutlich nicht so genau (oder verstehen es nicht und machen sich auch wenig Gedanken darüber).
Bei einer Hochzeit sagt sich ein Paar gegenseitig, dass sie zusammen sein möchten, dass sie ihr Leben miteinander verbringen wollen, dass sie sich lieben und ehren wollen in guten wie in schlechten Zeiten. Das hat mit Sexualität erst einmal nicht viel zu tun, sondern vor allem mit Vertrauen, mit Liebe, mit Zuneigung. Kinder verstehen das und können sich wunderbar mit dem Paar freuen. Ich glaube kaum, dass bei normalen 6-8jährigen eine heiße Diskussion über Homosexualität entbrennen wird, wenn zwei Männer sich solch ein Versprechen geben.
Ich kann mir aber ebenso wenig vorstellen, dass eben diese Diskussion vermeidbar ist, wenn Eltern ihren Kindern nicht erlauben mit zu einer Feier ihres geliebten Onkels zu kommen, der doch die ganze Familie eingeladen hat und wofür sich alle so schick machen und worauf alle sich so freuen.

Aus diesem Grunde halte ich Ihren Rat, Frau Eggert, für unüberlegt. Nein, ich will auch nicht, dass Kinder im frühen Grundschulalter bereits über sexuelle Beziehungen, egal welcher Art, nachdenken müssen. Aber seien Sie beruhigt: Für Kinder spielt erwachsene Sexualität noch gar keine Rolle, solange Sie sie nicht zum Thema machen. Wenn sie dann einmal in dem Alter sind, in dem das Thema interessant wird, dann werden die Kinder auch ohne Hochzeitsfeier mitbekommen, dass ihr Onkel und sein Partner offensichtlich schwul sind. Vorher aber, liebe Frau Eggert, gönnen Sie doch Bernhard und seiner Familie eine schöne Feier!

Mit freundlichen Grüßen,
Tim Wendorff

Nachtrag:
Mittlerweile hat der Verlag reagiert und eine Erklärung auf seiner Homepage veröffentlicht. Ihr findet sie hier.

Nachtrag 2 (21.05.2015, 00:00 Uhr):
Der Verlag hat sich noch einmal geäußert. Diesmal ist die Distanzierung deutlicher, die Zusammenarbeit mit Barbara Eggert wurde aufgekündigt. M.E. wirkt das ganze leider nicht, als hätte der Verlag einen Fehler korrigiert, sondern es hat einen Geschmack von: „Wir wollten ja nicht, aber auf Grund des öffentlichen Drucks musste eine Mitarbeiterin, deren Beitrag wir entweder wissentlich veröffentlicht oder aber der gegenüber wir unsere die redaktionelle Aufsicht nicht ordentlich wahrgenommen haben, über die Klinge springen.“ Dabei bin ich fast geneigt, der halbherzigen ersten Stellungnahme zumindest insofern Glauben zu schenken, dass der „Rat“ der Kolumne gar nicht bösartig, sondern einfach nur dumm war, von Redaktion und Autorin.

Nachtrag 3 (22.05.2015, 09:52)
Das Bildblog hat noch einmal sehr schön dargestellt, warum die Entlassung von Frau Eggert irgendwie dann doch falsch erscheint. Dabei verweisen sie auch auf den Beitrag des großen spreeblick zum Thema, der in der Nacht von Dienstag auf Mittwoch erschien und ganz ähnliche Argumente anführt wie ich.

Nachtrag 4 (22.05.2015, 19:28)
Barbara Eggert
äußert sich selbst in der Süddeutschen Zeitung.

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